Nicht schlecht gestaunt

Als umtriebigen Blogger und Lottoexperten erreicht mich täglich eine Vielzahl von Zuschriften per Mail. Normalerweise werde ich um nützliche Tipps zum Thema Lotto gebeten. Oftmals berichten meine Leser selbst Wissenswertes und viele von ihnen haben einfach nur das Bedürfnis, mir ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Überwiegend erreichen mich schöne Geschichten zum Thema Lotto. Manchmal sind die Geschichten auch traurig, vor allem Dingen, wenn es um ernste Themen wie zum Beispiel Spielsucht geht. Die Nachricht, die ich zum Aufhänger dieser Kolumne machen möchte, war jedoch ganz anderer Natur.
Am gestrigen Abend gegen etwa 21:30 kontaktierte mich eine mir bisher völlig unbekannte Person via Mail. Ich saß gerade auf der Wohnzimmercouch und hörte mit einem Ohr dem Fernseher zu. Meine volle Aufmerksamkeit schenkte ich hingegen meinem Laptop, auf dem ich gerade einen interessanten Artikel über die Anwendbarkeit der Kreuztheorie auf die Deutschen Klassenlotterien las. Nach Beendigung des Artikels checkte ich mehr aus Routine meine Mails. Schon der ungewöhnliche Betreff „Was immer Sie begehren“ machte mich auf den Inhalt der ominösen Mail gespannt. Darin machte mir eine gewisse Roswitha S., wohnhaft in Berlin Neukölln, ein unmoralisches Angebot, indem sie mir tatsächlich ihre Dienste als Lottomedium anbot. Frau S. sei durch meine Kolumne auf mich aufmerksam geworden und wolle mir aufgrund meiner großen Leserschaft eine Kooperation vorschlagen.

Als echtes Medium sei Frau S. schon in ihrem früheren Leben hellseherisch begabt gewesen, versuchte mich die unbekannte, offenbar geistig verwirrte Esoterikerin Glauben zu machen. Mehr noch, ihre seherische Gabe sei viele tausend Jahre alt und bei ihrer jetzigen Reinkarnation schon im Kindesalter zum Vorschein gekommen. Ihr Blick in die Zukunft sei weitestgehend unfehlbar, versicherte sie mir weiter. Natürlich seien Frau S. nicht nur die Lottozahlen bekannt, aber ein Schwur aus alter Zeit verbiete es ihr, direkt auf die Geschicke der Menschen Einfluss zu nehmen. Nur wenn die Menschen den Zufall bemühen würden, wäre es ihr erlaubt, ihre Schäflein zu dirigieren. Gemeinsam könnten wir viel Geld mit dem Verkauf ihrer hellseherischen Gabe verdienen, fügte sie noch hinzu.
Frau S. ist ein gutes Beispiel für den zunehmenden Realitätsverlust im Internet. Wahrscheinlich handelt es sich bei Frau S. nur um eine gewöhnliche Trickbetrügerin, aber es ist schon bezeichnend dafür, für wie dumm uns die Betrüger heutzutage halten. Sollte Frau S. tatsächlich an ihre Ausführungen glauben, dann möchte ich ihr hiermit mein herzliches Beileid aussprechen. Vielleicht sollte sie lieber eine fruchtbare Kooperation mit einem Psychotherapeuten anstreben als mit mir. Alle Leser, die sich schon auf die Einrichtung eines unfehlbaren Lottoorakels gefreut haben, muss ich leider enttäuschen.